Wenn es keine
Typen gäbe wie ihn, stände es wirklich schlecht um den deutschen Schlager.
Wahrscheinlich wäre dieses Genre schon im Sumpf von Friede, Freude, Eierkuchen
versunken. Bei Reim - der Vorname ist von nun an geschenkt - ticken die Uhren
mehr als nur ein wenig anders. Der Sänger mit der eindringlich-markigen
Stimme, der mit dem Millionenhit "Verdammt, ich lieb dich" sprichwörtlich
über Nacht zum Superstar wurde, hat in den letzten Jahren so ziemlich jedes
"worst case scenario" erlebt, was sich der Normalsterbliche vorstellen
kann. Pleiten, Pech und Pannen im großen Stil. Aber die Auguren haben
die Rechnung ohne Reim gemacht. Er ist zurückgekommen und hat mit den Bestsellern
"Wolkenreiter" (2000) und "Morgenrot" (2002), letztgenannter
zudem für einen Echo nominiert, künstlerisch die passenden Antworten
gleich parat gehabt. Und auch jetzt gilt: Vier Buchstaben für ein Hallelujah.
"Reim". Ein Dutzend Songs, die so und nur so kein anderer interpretieren
kann. Der Reim-Song als Archetyp. Keine lyrische Klugscheißerei, sondern
stets direkt und gnadenlos ehrlich. Belanglosigkeiten scheut Reim wie der Teufel
das Weihwasser. Die Wirklichkeit ist wahnsinnig genug.
Einer der wohl ungewöhnlichsten Songs nicht nur des neuen Albums, sondern in der nun fast schon 20 Jahre währenden Karriere dieses Vollblutmusikers ist "Halt durch". Reim ist es hier gelungen, eine ähnlich bedrohliche Atmosphäre aufzubauen wie seinerzeit Falco mit seiner skandalträchtigen Ballade "Jeanny". Bei Reim geht es um die konkrete Bedrohung durch einen Stalker, der hier anonym bleibt, während Reim in die Rolle eines Freundes schlüpft, der am Telefon versucht, die Frau am anderen Ende zu beruhigen und ihr zu Hilfe zu eilen. Die Ohnmacht des Opfers ist in diesem Song fast physisch spürbar. Aber auch bei den anderen Songs erweist sich dieser mit allen Wassern gewaschene Lebenskünstler ein ums andere Mal als Meister lebensnaher Minimal-Dramen. Reim lotet in den meisten Songs seines neuen Albums die Machtverhältnisse in Beziehungen aus. Die Kräfteverhältnisse zwischen den Geschlechtern bleiben unberechenbar. Die Schonungslosigkeit, mit der er hier zu Werke geht, ist immer wieder beeindruckend.
In "Herzensmasochist" tobt sich Reim in einer Männerrolle aus, die ihm auf den Leib geschneidert ist: ein Mann, der abhängig ist von seinen Gefühlen, der Liebe durchleidet und auf Gedeih und Verderb jeden Rückschlag in Kauf nimmt. Weitaus persönlicher ist indes "Träumer", ein erfrischendes Selbstporträt, das mit dem Image des ewigen Verlierers kokettiert, aber dessen ungebrochener Optimismus siegt, dass mit dem nächsten großen Hit alles anders werden wird. "Ich liebe dich", die erste Single des Albums, könnte gut und gerne dieser nächste große Hit sein. Hier mimt Reim einen Macho, der waidwund und reumütig erst seine Liebe gesteht, nachdem ihn die Frau verlassen hat. Jeder Song, ganz gleich, ob hier nur Geschirr bricht wie im "Rosenkrieg" oder das Herz wie in "Du liebst mich nicht", das Album "Reim" bietet Identifikationsflächen und die gewohnte musikalische Klasse, die der Künstler mit seinem eingespielten Team im Ibiza Music Factory Studio erzielt hat.
Ob "Rosenkrieg" oder "Friedhof der Gefühle", die Liebe ist auf Reims neuem Album immer im Ausnahmezustand. "Es gibt nichts schlimmeres als belanglose Liebeslieder", so Reim, "deswegen bin ich einer der größten Kritiker des deutschen Schlagers. Ich sehe sie, ich lerne sie kennen, sie ist die Größte - so ist das Leben nicht. Was sich so auf emotionalen Ebenen abspielt, kann man nicht mit Vernunft beschreiben. Ich finde es spannend, zu versuchen, das in Worte und Musik umzusetzen. Ich glaube, den Leuten macht es Spaß, weil das die Wahrheit ist. Jeder hat mit zwanzig schon diverse Hochs und Niederlagen erlebt und weiß, dass man dieses Spiel, die Emotionen, nicht berechnen kann. Jahresgehalt, Rente, Raten fürs Auto, das kann man alles berechnen. Aber was sie glücklich macht, das ist und bleibt ein unberechenbarer Faktor, wo viele spannende Nuancen eine Rolle spielen. Darüber zu philosophieren, zu schreiben, ist für mich immer ein Thema. Ich kann mich in diese Situationen hineindenken, weil ich ein sehr stolzer Mann bin."
Eines der berührendsten Lieder ist die grandiose Ballade "Ein Atemzug", die Reim einem viel zu früh und plötzlich verstorbenen Freund gewidmet hat. Der Tod ist im deutschen Schlager alles andere als ein gewöhnliches Sujet. Aber Reim ist und bleibt auch einer der außergewöhnlichsten Protagonisten dieses Genres, eines seiner belebenden Elemente. Wenn "1000 Wilde Pferde" mit diesem Sänger durchgehen, wenn er proklamiert "Du bist gefeuert" und dazu einen unwiderstehlichen Rock-Shuffle anstimmt, dann sind seine Fans ganz aus dem Häuschen. "Idiot", sein begnadetes Duett mit Michelle, das seit Monaten die Schlager-Charts dominiert, ist ebenfalls auf dem neuen Album zu finden. Dieses beherzt-provokante Liebesbekenntnis ist neben allen anderen Songs ein deutliches Indiz, dass Reim ein Garant für beste, weil ungeschminkte Unterhaltung ist. Wo auch immer Reim auftritt, reagieren Schlagerfans nahezu hysterisch. Ihre Botschaft ist unmissverständlich: Verdammt noch mal, wir brauchen dich.
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Lebenslauf in Jahreszahlen
1957
Am 26.11. wird Matthias Reim in Korbach/Nordhessen geboren (Sternzeichen also
Schütze). Er ist der zweite von insgesamt vier Brüdern, sein Vater
ist Oberstudiendirektor.
1968
Der 10-jährige Matthias - er besucht inzwischen das Gymnasium - gründet
eine Schülerband unter dem sinnigen Namen “Rhyme River Union”
und feiert erste, bescheidene Erfolge ... Seine Leistungen in der Schule dagegen
sind eher durchschnittlich.
1971
Ein wichtiges Jahr im Leben des jungen Reim: Zur Konfirmation bekommt er seine
erste richtige Gitarre geschenkt: Für Fachleute: Eine schwedische Hagstrøm
II.
1976
Abitur. Auf Wunsch des Vaters beginnt Reim in Göttingen Germanistik und
Anglistik zu studieren. Aber neben dem Studium macht er weiter Musik, spielt
und singt in Diskotheken. Er heiratet zu ersten Mal - eine typische Studenten-Ehe.
Sie wird nach einigen Jahren wieder auseinander brechen...
1980
Reim hat inzwischen sein Studium abgebrochen und beschlossen, Musiker zu werden.
Er komponiert für Künstler wie Roy Black, Jürgen Drews und Bernhard
Brink. Aber er ist weit davon entfernt, wirklich erfolgreich zu sein.
1989
Er komponiert und textet einen Song, von dessen Hitqualitäten er überzeugt
ist. Der Titel: “Verdammt, ich lieb’ Dich”. Aber – niemand
will diese seltsame Liebeserklärung singen, so sehr er auch damit hausieren
geht. Er beschließt, den umstrittenen Song selber zu singen.
1990
Die Schallplattenfirma Polydor bringt “Verdammt, ich lieb’ Dich”auf
den Markt. Es wird die erfolgreichste Single-Veröffentlichung der 90er
Jahre, das kurz darauf veröffentlichte Album verkauft rund 2 1/2 Millionen
Exemplare - und Matthias Reim wird über Nacht zum
Superstar.
1991
Das Reim-Fieber hält weiter an: Ein zweites Album wird veröffentlicht
und wird wieder zum Super-Erfolg, eine ausverkaufte Tournee führt den Künstler
durch ganz Deutschland.
Er heiratet ein zweites Mal. Matthias Reim ist ganz oben - die Teenager kreischen
bei seinem Anblick, die Autogrammpost wird ihm stapelweise ins Haus gebracht,
Manager, Agenten, Schallplattenbosse und Konzertveranstalter reißen sich
um ihn. Heute sagt der Künstler dazu: “Ich habe damals viele Fehler
gemacht - in meinem Privatleben wie auch beruflich. Ich habe in meiner Unerfahrenheit
Verträge unterschrieben, ohne mich richtig beraten zu lassen, ich habe
leichtsinnig Interviews gegeben, ohne die Folgen zu bedenken. Ich habe jedem
vertraut, der freundlich zu mir war - und ich war, ehrlich gesagt, auch auf
einem Höhenflug. Aber: Werden Sie mal über Nacht zum Superstar - das
ist nicht leicht zu verkraften...”
1992
Reim flieht vor dem Rummel. Er zieht sich zurück - kauft sich ein Hausboot
in Florida und komponiert fleißig weiter.
1994
Reim nimmt in London mit den besten Musikern Englands ein neues Album auf. Es
wird auch einigermaßen erfolgreich - aber es macht sich langsam bemerkbar,
dass der Künstler den Kontakt zu seinem deutschen Publikum verliert.
1996
Der Ruhm verblasst, die Umsatzzahlen gehen steil bergab. Aber der Künstler
realisiert es noch nicht - denn nach wie vor ist er ein begehrter Gast in Fernsehsendungen
und seine Fans halten ihm die Treue.
1999
Matthias Reim spürt, dass seine Karriere einen Knick bekommen hat und dass
es an ihm selber liegt. Er verpflichtet seinen heutigen Manager Dieter Weidenfeld
als Berater, umgibt sich mit einem neuen Team von Spitzenmusikern. Er zieht
sich für ein paar Monate zurück und komponiert und textet neue Songs
(teilweise mit dem bekannten Autor Joachim Horn). “Ich bin plötzlich
wach geworden - gerade noch rechtzeitig. Auf einmal wusste ich, dass ich selber
schuld an meinem Karriereknick war. Ich hatte mir jahrelang etwas vorgemacht
und mir selber eingeredet, dass alle anderen Fehler gemacht haben. Meine Schallplattenfirma,
mein Management, die Rundfunkanstalten und was weiß ich wer noch alles.
Auf einmal habe ich erkannt: Ich selber muss etwas ändern!” Auch
privat tut sich bei ihm einiges: Er hatte während einer Tournee die Sängerin
Michelle kennen gelernt - und für beide war es die große Liebe.
2000
Das dritte Jahrtausend beginnt für Reim mit einer Erfolgsserie: Im Mai
präsentierte er vor einigen hundert eingeladenen Gästen sein neues
Album “Wolkenreiter” -. und hatte damit ein sensationelles Echo.
Alle Fachleute waren sich darüber einig, dass es seine beste
Platte seit 10 Jahren ist. Und einige Kritiker schrieben sogar, dass es das
beste deutschsprachige Album sei, das seit Jahren auf erschienen ist. Im Mai
bekommen Michelle und er eine Tochter. Aber: Zur gleichen Zeit tauchen zum ersten
Mal Gerichtsvollzieher auf.
2001
Reim geht mit großem Erfolg wieder auf Tournee. Michelle und ich trennen
uns - in Freundschaft, auch wenn die Presse es gerne anders sehen wollte. Der
Künstler erfährt in einem dramatischen Gespräch, dass sein ganzes
Geld weg ist und er durch leichtsinnige Spekulationen seines Managers rund 14
Millionen Schulden hat.
2003
Das neue Reim-Album mit dem einfachen Titel “REIM” erreicht auf
Anhieb eine gute Platzierung in den Top Ten und hält sich wochenlang in
den Charts. Es ist damit der größte Chart-Erfolg des Künstlers
seit 15 Jahren. Er arbeitet jetzt auf Ibiza, später Mallorca, wo ihm sein
Bruder ein Haus und ein Tonstudio zur Verfügung stellt. Sein offizieller
Wohnsitz bleibt ist aber in Deutschland, weil er kein Steuerflüchtling
sein will. Aber seine Schuldenlast drückt ihn mehr und mehr.
2004
Sein Album REIM wird vergoldet und für den ECHO nominiert. Im März
geht er wieder einmal auf Deutschland-Tournee - und er wird auf der Bühne
begeistert gefeiert wie seit 14 Jahren nicht mehr. Nicht nur sein “altes”
Publikum feiert ihn - auch junge Zuschauer
entdecken die Welt des Matthias Reim...
2005
Das Album “UNVERWUNDBAR” erscheint. Wieder Gold.
2006
Seine finanzielle Situation spitzt sich zu. Die Banken wollen endlich ihr Geld,
nachdem die Immobilien alle versteigert wurden, bleiben noch jede Menge Schulden
übrig. Reim beantragt von sich aus die Insolvenz. “Lieber ein Ende
mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende”. Ab jetzt kassiert der Insolvenzverwalter
jeden Cent, den Reim verdient. Reim beißt die Zähne zusammen und
arbeitet weiter.
2010
Das Insolvenzverfahren wird durch Vergleich beendet. Für Reim ist das wie
eine Erlösung. Er beginnt wieder mit neuem Elan zu komponieren, zu texten.
Sein neues Album mit dem Titel „Sieben Leben“ erscheint im Oktober
2010.
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